Interview Joel Knörig

Einfach anfangen und machen!

Träger

Diakoniewerk Essen e.V.

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Koordination Freizeiten und Ehrenamt
III. Hagen 39, Haus der Ev. Kirche
45127 Essen
0201 2205-165
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Ansprechpartnerin
Koordinatorin
Rita Gröber
0201 2205-165
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Wegbeschreibung
Joel Knörig ist Student, lebt in Essen und engagiert sich an den Wochenenden ehrenamtlich für das Karl-Schreiner-Haus.
Mit seinen 20 Jahren senkt er deutlich den Altersdurchschnitt der Ehrenamtlichen, die für das Diakoniewerk arbeiten. Das fiel beim letzten Ehrenamtstag sofort ins Auge. Warum er seine Freizeit unentgeltlich für andere opfert und was er dabei für Erfahrungen macht, das wollten wir von ihm wissen.
Joel, Du wurdest vom Diakoniewerk Essen zum letzten Ehrenamtstag eingeladen. Du warst dort mit Abstand der jüngste Teilnehmer. Erzähl mal, wie war das für dich?
Ja, das ist richtig. Im ersten Augenblick fühlte ich mich schon etwas deplatziert. Um mich herum waren ja vorwiegend Leute im Alter von 60 bis 70 Jahren, der Großteil davon Frauen. Da bin ich natürlich aufgefallen. Zunächst ein komisches Gefühl. Aber es ging ja vorwiegend um die Sache. Das verbindet ein Stück weit.
Du arbeitest seit Januar 2018 ehrenamtlich im Karl-Schreiner-Haus, wie kam es dazu?
Vor etwa einem Jahr bin ich von Hamm nach Essen gezogen. Hier absolviere ich derzeit eine Ausbildung zum Industriekaufmann mit Abendstudium an der FOM Hochschule Essen.
In der Anfangszeit habe ich mich an den Wochenenden oft gelangweilt. Ich wollte Kontakte knüpfen und meine Zeit sinnvoll füllen. Da ich vor meinem Studium ein Jahr lang im Bundefreiwilligendienst tätig war, zog es mich wieder in den sozialen Bereich.
So bin ich auf meiner Suche im Netz auf das Karl-Schreiner-Haus gestoßen. Nach der Kontaktaufnahme mit Herrn Kleinert-Cordes ging alles recht schnell. Seit Anfang dieses Jahres spiele ich regelmäßig sonntags vor Ort mit den dort betreuten Kindern und Jugendlichen Fußball.
Du bist Student, trotzdem hast du eine unbezahlte Tätigkeit gesucht. Warum?
Das duale Studium ist ja mit einer Ausbildung verbunden, ich bekomme also - anders als „normale“ Studenten - ein Ausbildungsgehalt. Mir ging es daher weniger ums Geld, als um Kontakte und eine sinnstiftende Tätigkeit. Hinzu kommt, dass die meisten Nebenjobs einfach zu zeitintensiv sind. Mir bleibt da lediglich ein kurzes Zeitfenster an den Wochenenden.
Wie haben dich die Jugendlichen im KSH aufgenommen?
Sehr gut. Zum einen, weil ich mit meinen 20 Jahren altersmäßig nah an ich ihnen dran bin - die meisten Bewohner sind so zwischen 14 und 16 Jahren. Durch meine Zeit als BuFDi habe ich viele Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sammeln können. Das war also kein „Neuland“ für mich.
Zum anderen wurden die Jugendlichen aber auch auf mich vorbereitet. Ihnen wurde im Vorfeld vermittelt, dass ich das alles ehrenamtlich mache und daher auch ein gewisses Verhalten und Engagement ihrerseits vorausgesetzt wird.
Hast Du eine Idee, warum sich so wenig junge Leute ehrenamtlich engagieren? Was ist denn deine Motivation?
Ich denke die meisten konzentrieren sich voll auf Schule, Arbeit oder Studium und nutzen ihre Freizeit eben anderweitig. Geld spielt dabei verständlicherweise auch eine große Rolle. Mich hat vor allem mein BFD-Jahr auf die „soziale“ Schiene gebracht. In der Oberstufe hatte ich auch nur Schule und Freizeit im Kopf. Aber das Jahr im BFD hat mich ein wenig verändert, mir gezeigt, wie gut es tut, anderen Menschen etwas zu geben, die nicht so viel Glück hatten wie ich. Umgekehrt gibt mir das nämlich auch ganz viel zurück.
Du engagierst du dich sozial und studierst Wirtschaft - ein Widerspruch?
Ja, das ist mir tatsächlich auch schon aufgefallen, dass die meisten Leute, die sich im sozialen Bereich engagieren auch oft beruflich damit zu tun haben. Für mich ist das allerdings kein Paradox, sondern mein Ausgleich. Ich habe nach dem Abi lange überlegt, was ich beruflich machen möchte. Zuerst stand Lehramt im Raum. Letztendlich war für mich aber vor allem wichtig, schnell selbstständig zu werden. Das ging mit dem dualen Studium sehr gut. Meine Freizeit nutze ich dagegen ganz konstruktiv in sozialer Richtung. Ich mache das nicht für den Lebenslauf, sondern weil ich da Bock drauf hab, eben ganz eigenverantwortlich, ohne Druck von außen.
Was reizt dich an deiner Arbeit im Karl-Schreiner-Haus? Gab es Momente, bei denen du wusstest, das ist richtig, was ich tue? Oder umgekehrt auch Momente, in denen du dachtest, ich schmeiße alles hin?
Der Umgang mit den Kindern und Jugendlichen macht mir einfach Spaß. Ich kann mich aufgrund des geringen Altersunterschieds wirklich gut mit ihnen identifizieren und bekomme oft positives Feedback. Wenn ich merke, wie sie Vertrauen zu mir aufbauen und mir z.B. erzählen, wie es in der Schule läuft, dann gibt mir das viel zurück. Es berührt mich wirklich sehr, wie die Kinder ihr Leben meistern.
Auch wenn sie sich interessieren, was ich so mache, eben nicht als Personalkraft, sondern als Mensch. Für viele von ihnen bin ich eine Art „großer Bruder“. Die Rolle übernehme ich gerne.
Umgekehrt gibt es natürlich immer wieder Momente, in denen ich mich frage, warum ich das alles mache. Vor allem dann, wenn ich merke, dass meine Arbeit auch mal nicht wertgeschätzt wird. Wenn man selber alles gibt und dann auch schon mal fies behandelt wird. Das muss man wegstecken können und nicht persönlich nehmen. Das ist manchmal einfacher gesagt als getan.
Was muss man tun, damit auch junge Leute Interesse am Ehrenamt bekommen? Hast du vielleicht eine Idee?
Schwierige Frage. Ich würde mir wünschen, dass mehr junge Leute das Ehrenamt für sich entdecken und hoffe einfach, auch durch dieses Interview Interesse zu wecken und junge Leute dazu zu bewegen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Es ist wirklich kein großer Aufwand, etwas Gutes zu tun. Ich bekomme oft Feedback von den Erzieherinnen und Erziehern, dass meine Arbeit so viel Entlastung bringt. Auch wenn es nur einmal die Woche zwei Stunden sind. Es reicht also, wenig Zeit zu investieren, weil es einfach eine große Wirkung hat. Ein voller Terminkalender ist da für mich keine Ausrede. Einfach anfangen und machen!